Gemeinsam mit der Runourcode GmbH und dem Lehrstuhl für Arbeits- und Organisationspsychologie der Universität Bamberg veröffentlicht magnolia psychometrics den Karriere-Atlas (ursprünglich Interaktiver Laufbahn-Atlas), eine kostenlose Web-App zur Berufsorientierung.[1]
Die meisten Werkzeuge und Assessments zur Berufsorientierung gleichen Fähigkeiten, Interessen oder Fertigkeiten einer Person mithilfe psychometrischer Tests mit den Anforderungen von Berufen ab. Bei anderen müssen sich Ratsuchende durch umfangreiche Kataloge arbeiten, um infrage kommende Laufbahnen zu finden.
Der Karriere-Atlas soll Ratsuchende dagegen entlasten und ihnen eine freie Erkundung der Berufswelt ermöglichen. Dazu beantworten diese einige offene Fragen in eigenen Worten, etwa was ihnen Freude macht, welche Fähigkeiten sie sich zuschreiben oder wo sie gern arbeiten würden. Anschließend gleicht die App diese Antworten mithilfe aktueller Verfahren der maschinellen Sprachverarbeitung mit über 3.200 Berufsbeschreibungen der Bundesagentur für Arbeit ab. Die Ergebnisse erscheinen auf einer Landkarte. Je näher ein Beruf am Zentrum liegt, desto besser passt er.
Probieren Sie den Karriere-Atlas gerne aus: huggingface.co/spaces/magnolia-psychometrics/career-atlas.
Berufsorientierung benötigt neue Angebote
Berufliche Laufbahnen verlaufen heute weniger geradlinig. Menschen wechseln Arbeitgeber, Branchen und Berufe häufiger als noch vor einer Generation. Die Grenzen zwischen beruflichen Rollen verschwimmen zunehmend.[2, 3] Dabei kommt es nach wie vor darauf an, ob Person und Tätigkeit zueinander passen. Die Forschung bringt diese Passung mit Arbeitszufriedenheit, Gesundheit und Arbeitsfähigkeit in Verbindung.[4]
Berufsberatung unterstützt Menschen bei diesen Entscheidungen.[5] Beratungsangebote sind jedoch knapp, und viele digitale Werkzeuge setzen voraus, dass bereits ein Zielberuf feststeht. Assessments wie Interessentests stellen hingegen allen dieselben geschlossenen Fragen und lassen wenig Raum für das, was eine individuelle Biografie ausmacht.
Der Karriere-Atlas verbindet beides. Er ist niedrigschwellig genug, um ihn allein und jederzeit auf dem Smartphone zu nutzen und offen genug, um alles aufzunehmen, was eine Person als relevant erachtet.
Funktionsweise
Die App stellt sieben offene Fragen, etwa zu Interessen, Fertigkeiten, bevorzugten Tätigkeiten und Arbeitsorten. Pro Frage sind mehrere Antworten möglich. Fragen können jederzeit übersprungen werden.
Ein eigens nachtrainiertes Sprachmodell überführt sowohl diese Antworten als auch die Beschreibungen aller Berufe in eine gemeinsame Darstellung ihrer Bedeutung. Daraus schätzt es, wie gut jeder Beruf zu dem passt, was eine Person geschrieben hat. Der Ansatz baut auf unserem früheren Befund auf, dass Sprachmodelle allein aus dem Text ableiten können, wie psychologische Texte inhaltlich zusammenhängen.[6]
Die Berufsdaten stammen aus BERUFENET, dem Berufsinformationsportal der Bundesagentur für Arbeit. Jeder Treffer führt daher zu einer etablierten, verlässlichen Beschreibung der Tätigkeit und der Ausbildung.
Anwendungsfelder
Berufsberatung
Im Beratungsgespräch dient der Karriere-Atlas als strukturierter Einstieg. Beratende und Ratsuchende können die Fragen gemeinsam beantworten, die Landkarte betrachten und besprechen, warum bestimmte Berufe erscheinen und andere, die erwartet wurden, fehlen. Da die Eingabe frei formuliert ist, beginnt das Gespräch bei der Sichtweise der ratsuchenden Person und bei den Themen, die ihr im Berufsleben wichtig sind.
Die sozial-kognitive Laufbahntheorie (Social Cognitive Career Theory) beschreibt, wie Menschen Berufe vorschnell ausschließen, weil sie ihre eigenen Fähigkeiten oder das, was ein Beruf ihnen bieten würde, falsch einschätzen.[7] Eine Landkarte, die naheliegende, aber unbekannte Berufe zeigt, erweitert diesen Kreis gezielt. Beratende können die neuen Optionen anschließend gemeinsam mit den Ratsuchenden vertiefen.
Orientierung in Schulen, Jobcentern und Jugendprogrammen
Die App richtet sich an alle, die vor einer beruflichen Entscheidung stehen, z. B. Menschen am Ende ihrer Schulzeit, Arbeitsuchende, Personen, die eine Weiterbildung oder einen Berufswechsel erwägen, sowie Wiedereinsteigende. Die Jugendinitiative JOBLINGE in Leipzig ist Kooperationspartner des Projekts für die Arbeit mit jungen Arbeitsuchenden. In Gruppen erhält jede teilnehmende Person ein individuelles Ergebnis, ohne dass eine lange Testsitzung nötig ist.
Den Atlas als Ausgangspunkt
Der Karriere-Atlas ist kein psychometrischer Test und erhebt keinen diagnostischen Anspruch. Seine Vorschläge spiegeln wider, wie sich eine Person selbst beschreibt. Sie sind daher als Hypothesen zu verstehen, die es zu prüfen gilt, nicht als Empfehlungen. Der Karriere-Atlas ergänzt die Berufsberatung, ersetzt sie aber nicht. Beratende bleiben unverzichtbar, um die Ergebnisse einzuordnen, Rahmenbedingungen wie Finanzen oder Wohnort zu berücksichtigen und Menschen in belastenden Situationen zu begleiten.
Partner und Förderung
Das Projekt wurde 2024 für ein Jahr vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) im Rahmen des Programms „Civic Innovation: Gemeinsam sind wir KI“ gefördert. Entwickelt wurde es von magnolia psychometrics in Zusammenarbeit mit der Runourcode GmbH und der Universität Bamberg.